Ja, das wird ein kontroverser Artikel. In Workshops und persönlichen Gesprächen höre ich immer wieder die Frage, ob man denn einen guten Film auch mit dem Smartphone drehen kann. Besonders bekannt seien die Beispiele, wo ein ganzer Kinofilm mit einem iPhone gemacht wurde. Oder die Bentley-Werbung, die sie auch auf einem iPhone gedreht haben. Meistens ist meine Antwort darauf länger, als du erwarten würdest. Ich bin kein totaler Gegner der Entwicklung, dass Filme auf Smartphones gedreht werden können, ich bin aber genauso kein hundertprozentiger Befürworter der Sache.

Die Dinger sind

Na klar, einer der riesigen Vorteile – ja, das ist ein Wortspiel – ist, dass die Smartphones so unglaublich klein und handlich sind. Du bist es vermutlich gewohnt, Kisten über Kisten herumzuschleppen, damit du dein Equipment zusammen hast. Das fällt beim Dreh mit dem Smartphone weg. Mit letzterem kannst du alles, was du in irgendeiner Form brauchen könntest, in deinem Rucksack verstauen und hast noch genug Platz für eine Thermoskanne Kaffee. Aber nicht nur die grundsätzliche Portabilität ist großartig, sondern auch die Tatsache, dass man damit in den verwinkeltsten Ecken kein Problem hat, sein Material ohne große Herausforderungen zu bekommen.

Für meinen Teil zieht das aber auch ein Veto von mir nach sich. Wer schonmal mit großen Kameras gearbeitet hat, weiß, dass die eine gewisse Ergonomie haben und dass es einen Grund gibt, dass sie etwas schwerer sind. Ein Smartphone hat keinen besonderen Griff, mit dem man das Gerät sicher in der Hand hält. Oft hält man es in einer prekären Handhaltung mit den Fingerspitzen auf allen Ecken und versucht es so im Griff zu behalten. Besonders ohne Hilfsmittel – die ich dir später beschreiben werde – ist es unfassbar schwer, so ein klares, nicht verwackeltes oder stabilisiertes Bild zu bekommen. Präzise Kamerabewegungen können zur schwierigen Herausforderung werden, wenn man sich nicht auf die Trägheit des Gerätes verlassen kann.

... und

Und ja natürlich, im Vergleich zu herkömmlichem Filmequipment kostet dir deine Smartphone-Kamera einen Schlapf. Also quasi nichts. Und genauso ist Zubehör, jegliche Art von Hilfsmittel, wesentlich günstiger als das für größere Kameras oder gar Kinokameras. Aber irgendeinen Unterschied muss es doch geben, wenn die eine Kamera inklusive Smartphone maximal 1.350€ kostet – eine Filmkamera aber bis zu 150.000 …

Die

Und hier sind wir. Einer meiner größten Kritikpunkte, warum ich jetzt und in naher Zukunft nicht mit einem Smartphone einen Film drehen möchte: Ich mag das Aussehen der Aufnahmen nicht. Nicht immer zumindest, für Landschaftsaufnahmen und Totalen ist ein Smartphone oft voll in Ordnung. Sobald wir in ein Close-Up gehen, nahe an Gegenstände und Personen heran, finde ich die Weitwinkel-Linse, die normalerweise die Smartphones schmücken, furchtbar. Da habe ich nunmal Gefallen an dem komprimierten Bild und die geringe Schärfentiefe ( = hohe Unschärfe im Hintergrund) gefunden und das will ich auch bei den meisten meiner Produktionen nicht missen. Natürlich gibt es, wie zum Beispiel bei „Unsane“ , Einsatzmöglichkeiten, wo genau der Look, die Ästhetik notwendig ist. In meiner Arbeit ist es das nicht.

Die

Genauso wie bei den „großen, entfernten Verwandten“, den Filmkameras, ist es auch bei Smartphones äußerst nützlich, dir verschiedenste Hilfsmittel zuzulegen. Angefangen von einem ordentlichen Griff, bis hin zu einem Stabilisierungssystem oder anderen Objektiven. Die Stabilisierungssysteme laufen in den meisten Fällen reibungslos, vielleicht ab und an mal ein Softwareproblem, dass die Motoren zu zucken beginnen, aber das haben wir im Büro bei den großen Geräten auch. Bei einem Holzgriff ist selten was verkehrt, abgesehen davon, dass es den großen Selling-Point des „Klein-Seins“ wieder etwas zunichtemacht. Und mit den Objektiven, die mein größtes Problem beheben würden, ist es eine ganz eigene Geschichte.

Viele der Objektive, die man sich auf Amazon für wenig Geld bestellen kann, sind für alles ab semi-professioneller – heißt: bezahlter – Nutzung Schwachsinn. Die Bildqualität leidet in den meisten Fällen massiv, da aufgrund der oft schlampigen Bauweise die Schärfe an den Rändern abfällt und ganz komische Effekte bewirkt. Hier gilt: Erstens, professionelle Objektive haben nicht umsonst den Preis, den sie haben und Zweitens, es gibt auch für diese Hilfsmittel durchaus sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel glühende, Out-of-Focus Traumsequenzen oder Ähnliches.

Die

Jetzt wird’s nochmal spannend. Smartphones haben ein großes Problem, dass dem Großteil der NutzerInnen nie, und wenn, dann positiv auffallen wird: Die Videodateien sind echt klein. Also die Dateigröße. Das hat damit zu tun, dass die Bilder, die die Kamera sieht, schnell und brutal komprimiert werden, um möglichst wenig Speicherplatz und Prozessorpower zu verbrauchen. Die neueren Smartphones tun ihren Job schon ganz gut, ältere Geräte hingegen zeigen heftige Fragmente, also große, unschöne Pixel-Blobs, die eben wegen der Komprimierung entstehen. Eine Katastrophe für die Bildqualität und für die Postproduktion.

Genauso ist die Farbbearbeitung stressig. Von Haus aus drehen die meisten Smartphones sehr kontrastreich und gesättigt. In vielen Fällen versucht man mit großen Kameras genau das Gegenteil zu erreichen, um möglichst viel Spielraum in der Postproduktion zu haben. Auch in Extremfällen, wie bei dunklen Nachtdrehs, erkennt man sehr schnell, dass die Aufnahme für viele Angelegenheiten nicht zu gebrauchen ist.

Um dem ein wenig Abhilfe zu schaffen, gibt es übrigens die Smartphone-App „Filmic-Pro“, eine recht teure App, die ihren Preis aber wirklich wert ist – damit bekommst du die Möglichkeit, wirklich alle Einstellungen der Kamera und der Aufnahme zu verändern. Eigenschaften, die du bei den meisten Smartphones nicht von Haus aus verändern kannst.

Zum

Ich bin immer wieder begeistert, was neue Smartphones und deren BesitzerInnen alles schaffen können. Was neue Objektive und anderes Zubehör leisten. Wie viel man mittlerweile ausschließlich auf dem Smartphone kreieren kann. Und trotzdem bin ich noch ein großer Fan meiner größeren Filmkamera. Ich tue mir wesentlich leichter mit der Handhabung, der Ästhetik und der Postproduktion. Und trotzdem ertappe ich mich auch öfters dabei, einen Clip, den ich für ein Projekt brauche, geschwind mit dem Smartphone zu drehen. Denn schlussendlich ist die beste Kamera immer noch die, die du gerade dabei hast. ;-)

Bis zum nächsten Mal,

Robert

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